Winter in Waldperlach, Teil 75
Sonntag, 13.2.2011: 8°C, in Nacht neblig, bis zum Nachmittag bewölkt, dann aufklaren mit gelegentlichem Sonnenschein.
Am Vormittag flogen die beiden Elstern wieder laut krächzend über die Gärten. Der Amselschwarm hatte sich in einem Garten auf der anderen Straßenseite versammelt, wo ich ihn zwar hören, aber nicht sehen konnte und die Kohlmeisen tobten sich wieder im Bereich des Futterhauses aus.
Beim Fotorundgang am Nachmittag waren noch zwei Kohlmeisen im Pflaumenbaum über dem Futterhaus, flogen aber weg, als ihnen zu nahe kam. Am Frühlingshügel darunter blühen jetzt über 20 Winterlinge und an die zehn Frühjahrsknotenblumen.
In der Wiese hinten im Garten hab ich den ersten Krokus entdeckt! Eigentlich sind es zwei, aber der zweite ist noch nicht aufgegangen. Durch die Wiese zu gehen gestaltet sich momentan schwierig, da an den unterschiedlichsten Stellen Schneeglöckchen, Knotenblumen und Krokusse wachsen. Meine Schwester hat die vor vielen Jahren eingepflanzt, und scheint dabei das selbe (oder ein ähnliches) Verteilungsmuster angewandt zu haben wie das Eichhorn bei den Verstecken seiner Haselnüsse.
Als ich ganz vorsichtig nach weiteren Krokussen gesucht habe, kam mir die Idee, eine Grammatik für das Verteilungsmuster zu suchen – einmal für die Krokusse und einmal für die Haselnüsse – und war mir dann sicher: Beide müssen übereinstimmen, so gleich unsystematisch wie die Objekte verteilt sind. Hab am Abend dann ein wenig damit experimentiert, und ein erstes Ergebnis gefunden: Es ist eine kontextabhängige Grammatik, wobei anscheinend auch artfremde Objekte (etwa Bäume oder Hausecken) eine Rolle zu spielen scheinen. Aber ich bin auch auf eine theoretische Schwierigkeit gestoßen: Wenn die Position jeder Nuss (oder jedes Krokuses) von der Grammatik produziert wird, dann muss es eine Grammatik mit „Randwert“ sein, da die Krokusse nur innerhalb eines begrenzten Gebietes wachsen und auch die Nüsse in einem begrenzten (aber größeren) Gebiet liegen. Mal sehen, ob ich dafür eine zufriedenstellende Lösung finde. Sollte sich tatsächlich eine solche Grammatik aufstellen lassen, sagt sie etwas über das menschliche Empfinden für Ästhetik aus und ebenso darüber, was Eichhörner für sichere Verstecke halten. Möglicherweise genügt beides also dem selben grundlegenden Prinzip.
An Zufallsmuster hab ich zuerst auch gedacht, die schieden aber bereits bei einer statistischen Untersuchung aus. Es gibt einfach zu viele Häufungspunkte. Die Idee mit dem Wurf hat was. Ich hab das mal simuliert, mit unterschiedlichen Aufschlagwinkeln und unterschiedlichen Reibungskoeffizienten.
Wenn ich eine Handvoll Nüsse oder Zwiebeln (hier kurz Objekte) senkrecht fallen lasse, gibt es einen zentralen Häufungspunkt und eine radialsymetrisch abnehmende Verteilung.
Bei einem schrägen Wurf (wie er realistisch auftreten würde) gibt es je nach Reibung eine Ellipse oder eine Streuparabel. An den Rändern des “Spielfelds”, wo Objekte reflektiert werden, wenn sie dagegen prallen, oder liegen bleiben gibt es lokale Verdichtungen.
Leider passt das alles nicht. Die Verteilung der Nüsse und der Blumen hat mehrere Häufungspunkte, aber keinen, an dem die Konzentration signifikant größer ist als an den anderen Häufungspunkten. Dann gibt es lokale Konzentrationen an Marken im „Spielfeld“, (etwa an Bäumen) immer mit etwas Abstand, sowie an einzelnen Rändern, aber nicht an allen.
Ich vermute, dass man durch mehrere schräge Würfe und anschließendes “Ausklauben” – Objekte von den Rändern entfernen – ein ähnliches Muster erzeugen könnte. Ich nehm aber an, dass sich in der Verteilungsfunktion Regeln verbergen, die man entweder durch eine mathematische Funktion oder durch eine kontextabhängige Grammatik beschreiben kann. Nur kommen meine ersten Versuche noch nicht so ganz an die Realität heran…